Redemanuskript: Für hier reicht’s. Heimat.
Gehalten von str am 9. Juni 2010 im Rahmen der Vernissage zur Ausstellungseröffnung in den Ausstellungsräumen der Ludwigstraße 83 in Stuttgart-West
Verehrte Damen und Herren, liebe Hausgemeinschaft in der Ludwigstraße 83, verehrte Besucher, liebe Photofreunde.
«Für hier reicht’s.» Der Titel kann mißverstanden werden. Für die Ludwigstraße 83 reicht’s ja, für den Stuttgarter Westen reicht’s, für die Landeshauptstadt reicht’s. Der Titel kann mißverstanden werden, er muß nicht mißverstanden werden, er muß aber nicht eindeutig sein, kann vieldeutig verstanden werden. Wir werden ganz am Schluß sehen, was er bedeuten könnte.
Die Ausstellung hat einen Untertitel. Den haben wir auf Plakaten und Karten weggelassen. Er kann noch mehr mißverstanden werden. Er lautet «Heimat». Wer dächte da nicht an Lederhosen und Dirndl, an Wasserfälle aus schwindelnden Höhen oder an die Dorflinde und ein holzgetäfertes Innenleben? Jeder mag daran denken, wenn er mag, aber auf den hier ausgehängten Bildern wird er das nicht sehen.
«Heimat ist, was jeder kennt, und worin noch keiner war.»
Das klingt schon anders, tönt utopisch, wie eben der Tübinger Philosoph Ernst Bloch inwendig voller Utopie ist.
«Heimat ist, was jeder kennt, und worin noch keiner war.»
Was jeder kennt, ist eine Erinnerung an einen Augenblick, zu dem er sagen mochte: «Verweile doch; du bist so schön», es ist eine Ahnung, die nur noch Eingedenken ist und schon gar nicht gezeigt und vorgewiesen werden kann. Die ausformulierte Nennung und der direkte Blick auf jeden utopischen Gehalt würden ihn zerstören. Das Glück steht unter dem Bilderverbot. Gleichwohl muß es gedacht, und gleichwohl soll es in Bildern gezeigt werden.
Tübingen: Wir sehen es drei mal in der Ausstellung. Farbenprächtig und in voller Stimmigkeit leuchtet ein Stück der Neckarfront. Dort könnte Heimat sein, da möchte man wohnen. Da, in dem Turm? Da, wo die aufstrebende Bahn Hölderlins längst gebeugt war, von der Liebe und tiefer vom Leid? Das Bild verharrt in seiner imaginären Linienführung in der Zeit davor, es ist voller aufwärtsgewandter Blickrichtung. Oder senkt sich der Blick, senkt sich in der Diagonalen hinab in eine unnennbare, geheimnisvolle Tiefe wie in dem andern Tübingenbild, dem Spiegelbild am Neckar. Geht es dort wie im Spiegelbild aus Hannover in einen Urgrund oder Abgrund hinab? Bloch erzählt von der wohnlich träumenden Stadt, wie sie dem Reisenden, der von der Neckarallee herkommt, als Inbegriff von Heimat erscheint. Betritt der fremde Besucher aber den Markt, hört er vom Hackblock, auf dem der Metzger seine Frau erschlagen hat.
Vermutlich, ich habe nicht nachgezählt, sind die meisten der hier gezeigten Bilder menschenleer, sehr auffällig menschenleer. Heimat ist ein Traumbild, wirkliche Menschen fordern zu Antwort oder Aktion heraus. Der Telephonist aus Tübingen freilich nicht, er telephoniert sich aus der Gegenwart hinweg, schräg nach links sieht man Leute, unscharf, wie es den Gesetzen der Photographie entsprechend schön dargestellt werden kann, unscharf im Hintergrund verschwindend. Die greifbare Nähe wird zur imaginären Ferne, zu einem, Traum-, einem Trugbild, einer Verdrängung von Nähe?
Unschärfe der Bewegung ist ebenfalls ein spezielles Mittel photographischer Darstellung. Ein Kinderspielplatz aus dem Stuttgarter Westen zeigt einen Ort, an dem Kinder sich in wirbelnder Bewegung aufgehoben fühlen, der kritische Erwachsene jedoch die Ärmlichkeit des für Kinder sauber ausgesparten Raums sehen könnte und sich lieber hinwegdenkt.
Drei Bilder reden von der Zukunft, einem Neubaugebiet, einer neuen Heimat. Steinmauern, genau über Sichthöhe verlaufend, verstellen mehr als sie freigeben, und wo eine davon den Blick freigibt, fällt er auf einen abgelebter Traum einer früheren neuen Heimat, welche Wunde in der Landschaft ist. In der Nähe mag es schmuck aussehen, nach Heimat eben, so daß es die nächste Generation von dort hinauszieht.
Eine Tiefe, ein Fallen, ein Abwärts, ein endgültiges scheinen die beiden Bilder mit Grabsteinen anzudeuten, sie kippen nach unten, folgen einer Schwerkraft des Zugrundegehens. Die dort liegen, können nicht mehr hinweg, liegen seit langer Zeit dort, als sie noch nicht weggewollt haben und es zu spät gewesen wäre, der unheimlichen Heimat zu entfliehen. Es sind jüdische Gräber, wie man sogleich ahnt, sich durch die Schriftzüge darauf vergewissern kann. Man liest sie von rechts nach links. Wohin zieht es dann das Bild, wenn man es dergestalt – verkehrtherum?, richtigherum? – liest?
Und schaut man sich weiter hier um, sieht man Bilder aus vertrauter Umgebung ihrer Photographen, eine Kaschemme, Betonwände. Wo wohnt Ihr?, an welchen wüsten Ort seid Ihr geraten?, möchte man die Bildautoren fragen, wenn man einen ersten Blick auf die Aufnahmen geworfen hat. Zum Teil verletzen sie die Regeln der Proportion wie absichtlich, zum Teil überbetonen sie das äußere Maß.

«Heimat ist»,
möchte man nun abschließend und endgültig und mehr als reichlich genervt antiutopisch formulieren,
«Heimat ist, wo jeder wegmöchte, und kaum einer kann.»
Aber schaut man genau hin, sieht man, daß in diesen Bildern von Beton und Kaschemme eine Liebe zu Formen und Farben sich zeigt, als ob sie in dem, was vor Augen ist, dem Unsäglich-Schäbigen, etwa festhalten wollten, was ganz anders ist als lieblose Härte oder Gleichgültigkeit.
Keines der Bilder ist eindeutig, objektiv, wie man so sagt, ja eine der Serien zeigt vielleicht, daß das Identische das Nichtidentische sein könnte.
Die Bilder, starr und festgehalten, wie sie dahängen, verweisen auf eine Bewegung des Geistes und der Seele ihrer Betrachter, erst da sind vollendet, so vollendet, wie sie von ihren Bildautoren weder geträumt noch gedacht worden sind. Keines der Bilder ist eindeutig, jedes hat vielfältigen Sinn, der ihm erst aus der Betrachtung zuwächst.
Der Satz «Für hier reicht’s» ist vielfältig. Es reicht, kann bedeuten «es ist jetzt genug», also ich bin es satt und leid, oder «es ist genug», mehr bedarf es gar nicht. Lassen Sie sich so oder so an den Bildern genügen: «Für hier reicht’s.»




Ich meine, es war ein toller Abend mit einer wunderbaren Rede. Vielen Dank!
Ich fand den Abend auch wunderbar. Warm und warmherzig. Vielen Dank für die tolle Organisation.
ja, es war ein toller abend und sehr schön bei euch. hat mich sehr gefreut, dass ich mitmachen durfte!
Dieser Ort war schon immer Kunstwerk, dazu gehört ein Opel, ein Wackeldackel… und dieser Laden!
Jetzt auch noch sexy digital sta(d)tt egal.
Es grüßt die Nachbarin.
Die nette Nachbarin…
Habe den Opel gesehen, habe den Wackeldackel gesehen … Habe Bilder gesehen — schön, wenn auch nicht sexy…
… und eine überraschende Menge von überraschend gutaussehenden Frauen, die leider nicht vollzählig mit ins Plenum kamen …
Aber die Ausstellung läuft ja noch …
… freue mich auf Die Ludwigstraße …
Das rechte hintere Stuhlbein ist so schön angewinkelt!
Dass es hinter Büchern so schwarz werden kann…
Danke!
Ein weiterer Schritt.
Vielena Dank, dass ich die Rede hier noch nachlesen konnt. Leider war uns der Flugverkehr ja nicht wohlgesonnen, so dass wir das Liveereignis verpassten.
Hallo
Ich liebe Fotos.
Weiter so!
bilder einer vernissage:
http://www.krahlmann.de/?page_id=119/krahlmann-de/fhr-bilder-einer-vernissage/#p1194
Schön wars ins Stuttgart
http://www.krahlmann.de/?page_id=119/fuer-hier-reichts/schon-wars-in-stuttgart/#p1192
Richtig gut wars bei euch in Stuttgart!
… weiter geht’s:
http://www.krahlmann.de/?page_id=119/krahlmann-de/fhr-bilder-einer-vernissage/#p1216
Wie habt Ihr den Farbverlauf hinter dem Gasofen so realitätsnah hinbekommen?
Grüße
Der Stocherkahn hing in der Austellung aber anders herum, oder?
Gute Frage!
Stets der Ihre
Fürchtegott Krahlmann
In der Ausstellung hing und hängt der Stocherkahn richtig herum.
str.
Bin fast auf den Tag genau vor vier Jahren in der Ludwigstraße eingezogen. Inzwischen ist mir sogar der Kadett incl. Wackeldackel bekannt. Übel hat es mich vor vier Jahren beim Fußball WM gucken erwischt. Der Frauenkopf stellte einfach so mal das analoge Signal ein. Den Göttern sei Dank, denn ich fand einen “Feinkost” Italiener hier in der Straße…………(DVB-T war vorhanden).
Die Photographien haben mich zum größten Teil überzeugt.
Hoffentlich gibt es euch noch lange…bitte nicht noch einen “Rinder-Inder” hier in dieser Straße…ein Platten-Schuh-Modeladen wäre schön…vielleicht ein Nagelstudio…oder!…wie ich mich freuen würde, wieder ein Feinkostgeschäft!!!
Ja, schade um den “Feinkost”-Italiener. Ich war auch öfter Kunde dort und wohne in der Seyfferstraße. Aber ich kann nachvollziehen, warum der Laden geschlossen wurde.
Uns wird es noch länger geben aber nicht in der Ludwigstraße 83. Hier sind wir nur bis einschließlich 03.07.10. Danach wird was anderes sein in Hausnummer 83. Auf das auch ich gespannt bin.
Gruß
M oebi
Meinen Glückwunsch an die Photographenmannschaft. Bereits die zweite Ausstellung – alle Achtung. Man könnte fast neidisch werden. Leider seid ihr so weit weg!
Grüsse
Johann
Paris ist eine Messe, die Ludwigstraße eine Reise wert.
str.
nicht mal konvertieren muß man …
und es ist noch drei samstage geöffnet.
b.
Entfernung ist rleativ
Genau
Hochachtungsvoll
Gotthold M. F. von Rombach
Na, wir wollen nicht übertreiben.
Die Ausstellungsfotos sind allemal sehenswert, die grafische Aufbereitung gefällt mir sehr.
HUT AB ………….. ihr macht das wirklich prima.
Grüsse
Johann
Hallo Johann,
wie? Du warst hier in Stuttgart? Ebenfalls ‘Hut ab’ dafür — und natürlich für das Lob, das Krahlmanns Runde wohl gebührt!
Habt ihr alle übrigens gesehen, dass der aktuelle Spiegel sich von Eurer Ausstellung hat beeinflussen lassen? Eigentlich kam aus dem Büro Stuttgart der Titel-Vorschlag für das laufende Heft: “Für hier reicht’s” mit dem Bild der wie immer schlechtgelaunt dreinblickenden Kanzlerin und dem unvermeidlichen Außenminister.
Nur um einem Konflikt mit Krahlmann aus dem Wege zu gehen, wurde der Titel erst in der letzten Redaktionssitzung auf das etwas banale “Aufhören” geändert.
Aber wer sich das Titelbild des aktuellen Spiegel anschaut, liest in den Augen: “Für hier reicht’s!”
Wer eine Bratwurst brät benötigt ein Bratwurstbratgerät!
K-watsch
Sehr schöne Rede. Mein Kompliment
grüße
manfred
Ich gratuliere zu Eurer Ausstellung. Leider ist der Ausstellungsort für mich zu weit entfernt, und ich muss mich hier mit der Einführungsansprache begnügen. Aber die gefällt mir.
Es grüßt
Klaush
Der Friedhof führt zum ewigen Frieden. Schön das Bild! M. 20.06.10
Grüne Plaketten haben nicht immer einen weißen Rand!
Echt schöne Bilder!
Stellvertretend für alle Aussteller möchte ich mich für diesen Kommentar bedanken …
stellvertretend für alle Kommentare, die wir bisher in der Ludwigstraße zur Ausstellung
bekommen haben.
Vielen Dank!
Stets der Ihre
Fürchtegott Krahlmann
Leider ist zu aber diese Zettelwirtschaft müßt ich gleich fotografieren.
Juli