Lieber Bastian A.
Die Letzten werden die Ersten sein. Nein, die Ersten, nicht die Zweiten. Der Allererste muß drei Flaschen Trollinger trinken. Nur Kenner wissen, was das heißt. Der zweite unter den Ersten geht auch nicht ganz straflos aus. Seine Serie wird mit einer Kunstkritik gewürdigt. Sie, lieber Bastian A., erfahren also durch einen andern, wie gut Ihr Wettbewerbsbeitrag ist, und was Sie sich dabei gedacht haben. Erst der Dritte und Letzte unter den Ersten ist der eigentliche Sieger. Er muß weder trinken noch lesen. Die Letzten werden die Ersten sein.
Der Letzte waren Sie, der Letztabgebende. Unter den Ersten sind Sie. Wer hätte von Ihnen etwas anderes erwartet, als daß Sie gerade noch rechtzeitig kommmen. Was heißt schon rechtzeitig? Um dreiundzwanziguhrfünfundzwanzig kamen Sie denen zuvor, die erst um dreiundzwanziguhrneunundfünfzig eingeschaltet haben. Gartuliere! Sie haben Ihre kritischen Beobachter vor ein fait accompli gestellt.
Bastian A., Sie haben eine Verstehensanleitung gegeben: «Verwendet wurde: Rotwein, Zeiss Ikon Ikonta 4,5×6, Bier, Novar-Anastigmat 3,5/75mm, Ramazotti, Ilford Delta 3200. Zwischendurch eine Cola.» Vielen Dank, das hilft mir.
Hoffentlich war die Reihenfolge der Getränke anders. Ich sage das nur, weil ich gehört habe, man solle kein Bier auf Rotwein trinken. Und hoffentlich war der Rotwein kein Trollinger. Das sage ich, weil Sie mir einmal gesagt haben, es gäbe kaum einen guten Trollinger mehr. Erstaunlich ist, daß Sie zwischendurch eine Cola getrunken haben. Ein Württembergischer Trollinger nämlich schmeckt wie Cola mit Alkohol, also süß und klebrig. Und eine Cola schmeckt wie ein Trollinger ohne Alkohol, also klebrig und süß. Ramazotti ist eine Steigerungsform von Trollinger oder Cola.
Bleibt mir also, die Zeiss-Ikonta zu loben, den Anastigmaten, den Film und vor allem das Format. Es ist höchst angenehem, ein Kompromiss zwischen dem Leicaformat und dem Hasselbladformat, nicht sehr rechteckig, wie es 24×26 wäre, fast ein wenig quadratisch, wie es 6×6 wäre, um es einmal leicht ungeometrisch zu sagen.
Ihre Bilder sind sämtlich im Hochformat, stehend also, nicht liegend. Zunächst erregt das Überraschung, ja Bewunderung. Vorgabe war «Suff». Aber Sie werden zugeben, daß sie nach Bier, Ramazotti, Rotwein, welcher auch immer, und zwischendurch Cola gar nicht mehr daran gedacht haben, daß die Camera in der Normalhaltung senkrecht stehende Bilder macht und für Querformat hätte um 90° gedreht werden müssen. Wir sollten anregen, die Zeiss Ikonta 4,5×6 zur Normalcamera für Street im Suff zu ernennen.
Wir sehen auf den sechs Bildern Personen, vermutlich ist es nachts, vermutlich irgendeine der Kneipen in einer Großstadt, ein Frühsommerabend, kein Regen also, keine Pelzmäntel also, keine warmen Mützen, keine Handschuhe und shawls.
Die dramatis personae sind nicht oder allenfalls schwer identifizierbar. Sie sind ein jeder der Inbegriff des Nachtschwärmers, der in die Anonymität eines städtisch-individuellen Daseinsentwurfs untertaucht: cool, dabei, unberührbar, isoliert, eben dem Sein entrückt, das er ausdrückt. Nacht umgibt ihn, das spärlich verbleibende Licht macht nichts anderes als eben dies sichtbar.
Doch da gibt es ein Paar von Beinen, die dem Licht Kontur geben. Dies Bild, das zweite in der Serie, ist der Stern einer Orientierung. Keine der Personen in der Serie ist als ganze gesehen und abgebildet, Personen der Großstadtnacht ziehen wie die Welt aus dem Suff gesehen als disiecta membra den Blick auf sich: Da eine Frisur, dort ein Armband, hier eine Jacke, daneben ein paar Beine. Das Ideal ist ein changierendes Flickwerk aus Einzelstücken. Eine vollständig erhaltene griechische Plastik ist mehr als das Leben, die Großstadtbruchstücke sind die Wahrheit des Schönen, das sich nicht in ein einziges Individuum ergießt, sondern aus vielen zusammenschießt, der Rotwein das medium der Erkenntis solcher Schönheit. Und er zeigt die Kehrseite des Schönen: Die Beine im vorletzten Bild, auf die der Blick unzensiert fällt, schwer geworden sich nicht abwenden kann, rauben alle Illusionen. Die vier Beine gehen grob dahin, fleischig, sexy meinetwegen. Der Rest ist Licht und Dunkel, Rahmen und Zwischenstücke. Die Meisterwerke, das zweite und das vorletzte, brauchen Abwechslung und vor allem Kontext.
Lieber Bastian A., sagen Sie nicht, das hätten Sie so zeigen wollen, wie ich es gesagt habe, und widersprechen Sie mir nicht, indem Sie eine andere Intention vorgeben. Nur wo keine Intention ist, zeigt sich das Leben, wie es ist. Jeder hat mal keine Intention — auf seine Weise. Seien Sie glücklich genannt für diese Augenblicke Ihrer Intensionslosgkeit. Trinken Sie dem Rotwein zu, der Sie unterstützt und zu Ihrer höchst vollkommenen Unaufmerksamkeit geleitet hat. Sollte es das Bier oder der Ramazotti gewesen sein, erinnern Sie sich ihner freundlich, ich sehe Ihnen das heute mal nach. Das Cola, das ohne Alkohol, jedenfalls war’s nicht, das Sie in einen stillen Taumel interesselosen Wohlgefallens versetzt hat.
Stets der Ihre
Ein weißer Languedoc-Roussillon und str.
PS., am Morgen danach: Ihre Bilder in reiner, nicht künstlich herbeigeführter Intentionslosigkeit gefallen mir besser. str.

wahnsinns Kritik !
der beste str aller Zeiten.
Herzlichen Glückwunsch Bastian A. zum 2. Platz.
Der 2. Platz ist wohl immer der 1. Verlierer?
Viel Dank an str für diese lesenswerten Zeilen!
M oebi
Bastian, auch von mir die herzlichsten Glückwünsche zur Silbermedaille.
Jo, der Erstplatzierte wird zu gegebenem Anlass noch ausreichend gewürdigt. Versprochen!
Bastian!
Auch von mir an dieser Stelle Anerkennung für den Beitrag zu diesem besonderen Wettbewerb!
Wenn man sich bewusst macht, wieviele nicht teilgenommen haben (ich auch nicht), vielleicht weniger aus Unvermögen als aus Mangel an Zeit (für Suff?!), der kann ansatzweise erahnen, wie hoch schon die Teilnahme an sich zu werten ist. Dann einen solch konsistenten, nachvollziehbaren und doch über allfällige, banale Assoziationen sich erhebenden Beitrag in Bildern, die Einblicke gewähren und ahnen lassen, hier vorzutragen, ja das verdient einen der vorderen Plätze!
Zu bejubeln ist nicht der Zweite, sondern der Eine. Dir also, Bastian, meinen ausgesprochenen Glückwunsch!
….welch interessante Formulierungen, werter Herr Autobahn….Sie machen mir Konkurrenz.
Meine verbindlichsten Grüsse und Glückwünsche an die ersten, zweiten, dritten und weitere Sieger. Diese geballte Kreativität beeindruckt!
Hochachtungsvoll
Gotthold. M. F. von Rombach
Verehrter Herr v. Rombach!
Wenn Sie in mir Konkurrenz ahnen, erlaube ich mir dies als eine im Ansatz gefühlte Seelenverwandtschaft zu deuten. Eine solche setzt nun das voraus, worum es mir und hier in der Tat geht: Seele überhaupt zu haben und zu zeigen.
Seele für Krahlmann zeigen: zu verstehen etwa als ‘sich ein Herz fassen’, nur eben noch untergründiger, subtiler, aufwühlender…
Wenn all diese Worte nur dazu dienen diesen immer zu erlahmen drohenden Erdenkreisel erneut anzutreiben, dass die Funken sprühen, dass es Blitzlicht werde und dass dies in Krahlmannscher Manier abgebildet und gezeigt gehört…
… ja, dann lassen Sie uns Konkurrenten sein. Zusammen-Läufer (nicht Mit-Läufer) für die Staffette des Einen!
So verbleibe ich nun, geehrt durch Ihren Zuspruch, stets der Ihre!
A.